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Medical Park Berlin Humboldtmühle
Lidbeschwerung mit einem auf das Oberlid geklebten Bleiplättchen zur vorübergehenden Therapie des Lagophthalmus
Von Prof. Dr. med. Stefan Hesse, Dr. Cordula Werner, I. Melzer, Anita Bardeleben
Vorgestellt wird das externe Lidloading mittels eines aufgeklebten Bleiplättchens zur temporären Behandlung des Lagophthalmusinfolge einer Plegie bzw. Parese des M. orbicularis oculi. Die erstmals 1993 beschriebene Technik ist simpel und effektiv, aber offensichtlich in Vergessenheit geraten. Statt eines Uhrglasverbandes tagsüber wird nach Entfettung des Lides ein individuell zugeschnittenes Bleiplättchen auf das Lid mit einem doppelseitigen Klebeband befestigt. Der Patient soll das Lid schließen können, eine Spontanptose zeigt ein zu schweres Plättchen an. Die Lidhebung als Funktion des M. levator palpebrae ist unbeeinträchtigt. Der Effekt ist schwerkraftabhängig, sodass der Patient einen Uhrglasverband oder eine Augenklappe nachts trägt. Im Falle einer persistierenden Parese des M. orbicularis oculi ist ein operatives Verfahren angezeigt. Insgesamt wurden 152 Fälle seit 1997 behandelt, in der Mehrzahl nach Hirnstamminfarkt bzw. OP eines Akustikusneurinoms. Ergebnisse Sofort konnten alle Patienten mithilfe des Plättchens das Lid schließen, ca. 45% mussten bei Schlupflidern das Plättchen mehrfach am Tage befestigen, die Compliance war hoch, eine rasche Rückbildung der Parese erfolgte in ca. 60% der Patienten. In Einzelfällen war die Rückbildung des M. orbicularis oculi schneller als die des oris. Schlussfolgerung: Das externe Lidloading mittels Bleiplättchen im Falle eines Lagophthalmus ist simpel und effektiv, im Vergleich zum Uhrglasverband kosmetisch ansprechend, schaltet das Auge nicht aus und ist mit dem Führen eines Autos vereinbar. Die periphere Plegie respektive Parese der N.-facialis-innervierten Gesichtsmuskulatur ist ein geläufiges Problem in der neurologischen Frührehabilitation, u. a. nach einem Hirnstamminfarkt oder der Operation eines Akustikusneurinoms bzw. eines Parotistumors. Größte Sorge gilt der Keratopathie, bedingt durch die Parese bzw. Plegie des M. orbicularis oculi (paralytischer Lagophthalmus). Uhrglasverband und Bepanthen®-Augensalbe sind bekannt, jedoch vom Patienten wegen der Ausschaltung des Auges, der potenziellen allergischen Reaktion auf das Pflaster und der Ästhetik wenig geschätzt. Ein neues altes Verfahren im Falle einer Plegie oder hochgradigen Parese ist die vorübergehende Lidbeschwerung mit einem Bleiplättchen, um den Lidschluss sicherzustellen, erstmals im deutschsprachigen Raum als sog. externes „Lidloading“ von den Augenärzten Müller-Jensen u. Jansen 1993 vorgestellt. In der Praxis wird dieses simple und effektive Verfahren nur selten eingesetzt, mehr bekannt sind chirurgische Verfahren wie das Einnähen eines Gold- oder Platinplättchens in das Oberlid (sog. internes Lidloading) und Muskeltranspositionsplastiken bei Persistenz der Parese. Deswegen möchte der vorliegende Artikel die temporäre Lidbeschwerung mit einem Bleiplättchen, die offensichtlich in Vergessenheit geraten ist, noch einmal vorstellen. Blei hat ein hohes spezifisches Gewicht, ist aber weich und biegsam, um sich der Kurvatur des Oberlidatarsus anzupassen. Das Plättchen wird aus einer im Anglerbedarf erhältlichen Bleiplatte (Dicke 0,8mm) nierenförmig zugeschnitten und mit einer Feile abgerundet, das Gewicht beträgt je nach Größe ca. 1,0–2,0 g. Ein doppelseitiges Klebeband hilft das Plättchen auf dem Lid nach vorheriger Entfettung zu befestigen. Die Lidhaut ist zu straffen, die Zilien sind nicht zu berühren. Im Falle von Schlupflidern kann die Befestigung schwierig sein, sodass eine mehrfache Befestigung über den Tag erforderlich werden kann. Die Position und die Form respektive das Gewicht des Plättchens auf dem Lid sind dann optimal, wenn der Patient im Stehen das Lid komplett schließen kann, eine Spontanptose würde auf ein zu schweres Gewicht hinweisen. Das Öffnen des Lides als Funktion des M. levator palpebrae (N. oculomotorius) ist unbeeinträchtigt. Im Liegen gelingt der Lidschluss nicht, dafür ist der Kopf in der Regel mindestens 30° anzuheben. Um eine mögliche Aufnahme des Bleis zu verhindern, kann das für den Patienten zugeschnittene Plättchen mit klarem Nagellack bestrichen werden. Entsprechend der Rückbildung der Parese wird das Plättchen im Laufe der Rehabilitation verkleinert. Vorgestellt wird eine 56-jährige Patientin, die 2 Wochen vor Aufnahme an einem gutartigen Parotistumor rechts operiert wurde, innervierten Muskulatur ein." Die Patientin war 2 Tage, nachdem das Oberlid mit einem Bleiplättchen (0,5×1,2cm) beschwert wurde, in der Lage, beide Lider zu schließen, die Lidöffnung war unbeeinträchtigt. Die Patientin erlernte rasch, das Plättchen jeden Morgen aufzukleben, es hielt den ganzen Tag. Nachts trug sie einen Uhrglasverband und benutzte Bepanthen®-Augensalbe, tagsüber tropfte sie zusätzlich künstliche Tränen und massierte regelmäßig den unteren Teil des M. orbicularis oculi, indem sie den Muskel vom Jochbein aus hochschob. Mimische Übungen vor dem Spiegel sowie physikalische Fazilitationstechniken (Eis, sensorische Stimulation, Kinesiotape) kamen hinzu. Die Patienten erlebten das Plättchen als im Alltag extrem hilfreich, sie konnten auf den Uhrglasverband tagsüber sofort verzichten, der Visus der gangunsicheren Patientin war besser und sie war mit ihrer äußeren Erscheinung zufriedener. Eine augenärztliche Vorstellung bescheinigte eine intakte Hornhaut und einen seitengleichen, altersentsprechenden Visus. Im weiteren Verlauf stellte sich nach ca. 3 Wochen eine beginnende Willküraktivität des M. orbicularis oculi aber nicht des orbicularis oris ein, die Patientin war unverändert auf das Bleiplättchen angewiesen. Vor Entlassung suchte die Patientin einen Goldschmied auf, der ein in Gewicht und Form entsprechendes Goldplättchen anfertigte, das die Patientin mit einem hautfarbenen Nagellack bestrich. Im Abschlussgespräch wurde im Falle einer Persistenz der Parese über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten ein internes Loading empfohlen. Insgesamt überblicken die Autoren seit 1997 152 Fälle mit einer peripheren Plegie oder hochgradigen Parese des M. orbicularis oculi, in denen das Bleiplättchen zur temporären Anwendung kam. Der Effekt stellte sich bei allen Patienten immer sofort ein, ca. 45% der Patienten mussten das Plättchen jedoch mehrfach am Tag befestigen, was dazu führte, dass ca. 10% aller Patienten die Technik nicht weiter einsetzte und stattdessen den Uhrglasverband bevorzugten. Nebenwirkungen traten mit Ausnahme einer leichten Hautrötung des Oberlides bei 5 Patienten nicht auf. In etwa der Hälfte der Fälle stellte sich eine rasche Rückbildung des Lidschlusses, dokumentiert mittels Fotoserien, sowie ein spontanes Blinzeln ein. Die oben beschriebene raschere Rückbildung des M. orbicularis oculi im Vergleich zum M. orbicularis oris war wiederholt zu beobachten.
Zusammenfassung Wie von Müller-Jensen und Jansen bereits 1993 beschrieben, ist die Technik der Lidbeschwerung mittels eines auf das Oberlid aufgeklebten Bleiplättchens zur vorübergehenden Therapie der Plegie oder hochgradigen Parese des M. orbicularis oculi simpel und effektiv. Das Sehorgan wird wie im Falle des Uhrglasverbands nicht ausgeschaltet, die Eignung der Fahrtüchtigkeit ist somit nicht beeinträchtigt, die Lidfunktion ist gegeben und die Ästhetik für die meisten Patienten ansprechender. Eine Brille kann getragen werden und im Falle einer Keratopathie ist das Auge zur lokalen Medikamentenapplikation zugänglich. Nachts tragen die Patienten wegen der Schwerkraftabhängigkeit einen Uhrglasverband. Eine Rötung des Oberlides und die Notwendigkeit, das Plättchen ggf. mehrfach am Tag befestigen zu müssen, sind zu beachten. Erhöhte Bleikonzentrationen im Blut konnten die erstbeschreibenden Autoren bei wenigen Patienten seinerzeit ausschließen, eine Intoxikation ist nach toxikologischer Auskunft vor allem bei einer Ingestion und Einatmen von Bleidämpfen zu erwarten. Dessen ungeachtet empfiehlt es sich, das Plättchen mitn Nagellack zu bestreichen bzw. wie im Falle der Patientin im weiteren Verlauf zu einem Goldplättchen zu wechseln. Persistiert die Parese über mehrere Monate und belegen EMG-Untersuchungen eine ungünstige Prognose, sind operative Verfahren wie das interne Lidloading oder eine Muskeltranspositionsplastik zu empfehlen. Naturgemäß entscheiden sich die Patienten, die vom externen Loading profitierten, für das interne Verfahren. Die Beobachtung, dass das Plättchen die Rückbildung der Parese des M. orbicularis occuli im Vergleich zu der des M. orbicularis oris in Einzelfällen beschleunigte, spricht ggf. für einen fazilitatorischen Effekt, wie bereits von Rosenberg und Gizzi beschrieben. Die bessere Vordehnung der Muskelfasern und eine sensorische Stimulation sind mögliche Erklärungen, analog dem PNF-Konzept bzw. dem Kinesio-Taping. Zusammenfassend können die Autoren das sog. externe Lidloading zur temporären Therapie der peripheren Plegie bzw. Parese des M. orbicularis oculi für die tagtägliche Praxis empfehlen.
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