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Medical Park Chiemseeblick
Chronischer Schmerz – ein psychosomatisches Leiden
Aus der Sicht der modernen Schmerzforschung ist die Unterscheidung zwischen „körperlichen“ und „seelischen“ Schmerzen nicht trennscharf und daher heute nicht mehr sinnvoll. Bei der Entstehung und Verarbeitung von Schmerzen spielen immer biologische, psychische und soziale Aspekte eine Rolle. Während akuter Schmerz häufig körperlich ausgelöst wird, gewinnen mit zunehmender Chronifizierung die psychosozialen Aspekte des Schmerzerlebens und der Schmerzverarbeitung an Bedeutung: das „Leiden am Schmerz“, die damit verbundene Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit – an Bedeutung (Bach et al.2001). Zahlreiche Studien belegen einen engen Zusammenhang zwischen Schmerz und einigen psychischen Störungen, insbesondere Depression und Angststörungen. Laut einer weltweit durchgeführten Feldstudie der WHO haben Schmerzpatienten/innen ein 2- bis 4-fach höheres Erkrankungsrisiko für eine Depression oder Angststörung. Darüber hinaus haben Schmerzpatienten/innen mit Depressiven Störungen oder Angststörungen eine signifikant schlechtere Prognose und höhere Chronifizierung im Vergleich zu Schmerzpatienten/innen ohne gleichzeitige psychische Störungen. Dies hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie psychische Störungen zu den häufigsten Ursachen für vorzeitige Arbeitsunfähigkeit und Berentung zählen. Eine frühzeitige und umfassende diagnostische Abklärung aller körperlichen und psychosozialen Faktoren bei Schmerzpatienten/innen ist von enormer sozialmedizinischer und volkswirtschaftlicher Bedeutung. Ziel ist es, durch geeignete, ganzheitliche Behandlungsansätze das Leid zu reduzieren und Funktionsfähigkeit im Alltag wieder zu erlangen. Im Rahmen einer Studie an mehr als 1.000 Patienten/innen eines Schwerpunktkrankenhauses konnte nachgewiesen werden, dass bei rund 10% aller Patienten/innen, die ein Krankenhaus aufsuchen, ein sog. „chronisch-dysfunktionales Schmerzsyndrom“ besteht, d.h. diese Patienten/innen weisen ein hohes Risiko auf, durch ihre Schmerzen dauerhaft beeinträchtigt zu bleiben. Bei vielen dieser Patienten/innen besteht ein ausgeprägter psychosozialer Leidensdruck, der im Wesentlichen durch Depressivität, Ängstlichkeit und Schlaflosigkeit geprägt ist. Die Ergebnisse dieser Studie werden auf der kommenden Deutschen Psychosomatik-Tagung im März 2012 präsentiert. In der Behandlung von Patienten/innen mit solchen chronisch-dysfunktionalen Schmerzsyndromen ist eine rein organmedizinische Behandlung, z.B. die Einnahme von Schmerzmedikamenten, nicht ausreichend. Durch die enge Verbindung von körperlichen und psychosozialen Faktoren bedarf es in der Behandlungsplanung ganzheitlicher, multimodaler Konzepte. Unter einer multimodalen Therapie versteht man den gleichzeitigen Einsatz von mehreren Behandlungsstrategien, die die chronische Schmerzsymptomatik in ihrer biologischen, psychischen und sozialen Dimension umfassend berücksichtigt. Als Säulen einer multimodalen Schmerztherapie gelten heute: Medikamentöse Verfahren (hier werden neben den klassischen Schmerzmedikamenten heute vermehrt Antidepressiva zur Schmerztherapie eingesetzt), Sport- und Bewegungstherapie, Körperwahrnehmung und Entspannungsverfahren (auch mit Anwendung von Biofeedback), psychologische Schmerztherapie bzw. Schmerzpsychotherapie, Komplementärmedizin und Naturheil-Verfahren, sowie Ergotherapie, Einsatz von Kreativtherapien und Soziotherapie. Bei der Schmerzpsychotherapie bzw. Psychologischen Schmerztherapie reicht das Methodenspektrum von kognitiver Verhaltenstherapie über psychodynamisch ausgerichtete Interventionen und Hypnotherapie bis zu humanistischen Verfahren und künstlerischen Therapien. Symptombezogene und symptomübergreifende Ansätze können miteinander kombiniert werden. Hauptanliegen der symptombezogenen Interventionen (sog. „Schmerzbewältigungs-Verfahren“) ist die Förderung der Eigenaktivität und Selbstkompetenz der Patienten im Umgang mit den Schmerzen und deren Folgen. Weitere Behandlungsziele sind der Aufbau gesundheitsbezogener Maßnahmen (z.B. Reduktion des Schmerzmittelkonsums, gestufter Aktivitätsaufbau, psychosoziale Rehabilitation und Reintegration) sowie die Förderung von Lebensqualität trotz chronischer Schmerzen. Eine symptomübergreifende Psychotherapie ist indiziert, wenn die Schmerzsymptomatik in Zusammenhang steht mit tiefgreifenden biographischen Erlebnissen (Traumatisierungen, lebensverändernden Ereignissen), sowie für die gleichzeitige Behandlung von Depressiven Störungen oder Angststörungen. Mittlerweile liegen zahlreiche Wirksamkeitsstudien und Metaanalysen vor, die eine signifikante Überlegenheit einer multimodalen Behandlung gegenüber eindimensionalen Behandlungen belegen. Ist aufgrund des Schweregrades oder der Chronizität der Schmerzsymptomatik eine rein ambulante Versorgung nicht ausreichend, so bietet die stationäre Psychosomatik den Rahmen für eine derart komplexe Vernetzung von Therapiekonzepten. Die Psychosomatik versteht sich hier nicht als Gegensatz zu einer primär organmedizinisch ausgerichteten Schmerzbehandlung, sondern als sinnvolle Ergänzung, als „Brückenschlag zwischen den Disziplinen“. Gerade die Nachhaltigkeit von stationären (und teilstationären) psychosomatischen Behandlungen in Ergänzung zu einer ambulanten Therapie im Sinne von integrierten Versorgungsmodellen sichert für eine Vielzahl Betroffener langfristig einen deutlich günstigeren Krankheitsverlauf bei gleichzeitig hoher Kosteneffektivität. An der Klinik Medical Park Chiemseeblick wird derzeit ein neues stationäres Behandlungskonzept für eine multimodale psychosomatische Schmerztherapie implementiert. Zielgruppe dieser umfassenden Behandlung sind Schmerzpatienten/innen mit gleichzeitig akuten depressiven Störungen und Angststörungen, ferner Schmerzpatienten/innen mit schwerwiegenden psychosozialen Belastungen und Beeinträchtigungen in der Lebensgeschichte, die mit der Entwicklung der chronischen Schmerzen in Verbindung gebracht werden können. Durch den gleichzeitigen Einsatz von symptombezogenen Schmerzbewältigungsverfahren (wie z.B. Entspannung, Biofeedback, Körperwahrnehmung, Medizinische Trainingstherapie, Ergotherapie, Schlaftraining, richtiger Umgang mit Schmerzmedikamenten, Sozialpädagogik) und symptomübergreifenden Psychotherapie-Verfahren (zur Bearbeitung von biographischen Verlusterfahrungen, Selbstwertdefiziten oder Schwierigkeiten in der Emotionsverarbeitung, gleichzeitig aktuellen Arbeitsplatz- oder familiären Konflikten) soll – neben der Schmerzlinderung und Stabilisierung der Beschwerdebildes – eine Neuorientierung des Lebenskonzeptes zur Rückfallprophylaxe eingeleitet werden.
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Bildunterschrift: Prof. Dr. Michael Bach Ärztlicher Direktot und Chefarzt Klinik Medical Park Chiemseeblick
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