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Pressemeldung: 15. Juli 2009

Schluckstörungen nach Schlaganfall häufig unterschätzt - Hilfe durch Screeningverfahren und ausgefeilte Therapie


Bad Rodach. Essen und Trinken sind für Gesunde selbstverständliche Tätigkeiten, über die niemand nachdenkt. Nach einem Schlaganfall jedoch ist die Gefahr des Verschluckens (Aspiration) und der damit verbundenen Risiken groß. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass circa vierzig Prozent der Schlaganfallpatienten unter einer Schluckstörung mit erhöhter Aspirationsgefahr leiden und diese sehr häufig nicht erkannt wird. Neben einer Lungenentzündung sind ein protrahierter Rehabilitationsverlauf, Gewichtsabnahme, Verwirrtheit aufgrund fehlender Flüssigkeitszufuhr und Mangelernährungszeichen die wesentlichen Risiken.

Um diese Gefahr für Schlaganfallpatienten rechtzeitig zu erkennen und adäquat zu therapieren, wurde in der Klinik Medical Park Bad Rodach ein „Schluckteam“ gebildet, das ein Screeningverfahren für alle Patienten, spezifische Diagnostiken und eine ausgefeilte Therapie etabliert hat.

Beim Schlucken selbst werden drei Phasen unterschieden. Die orale Phase beinhaltet die Zerkleinerung der Speisen, die Durchmischung mit Speichel und den Transport des so genannten Bolus in Richtung der Gaumenbögen. Sobald der Bolus die Gaumenbögen passiert hat, schließt sich die reflexgesteuerte  pharyngeale Phase an. Ein ausgeklügeltes System von Muskeln verhindert zunächst einen Übertritt des Bolus in den Nasenrachenraum - sonst würde die Suppe aus der Nase laufen. Weitere wesentliche Aufgabe in dieser Phase ist es, das Verschlucken, sprich das Eindringen des Bolus in die Luftröhre, zu verhindern. Mechanismen sind ein Sistieren der Einatmung bei gleichzeitigem Schlucken, ein Hochziehen des Kehlkopfs sowie der Abschluss der Luftröhre mit dem Kehldeckel. In deroesophageale Phase wird der der Bolus durch langsame rhythmische Bewegungen in Richtung Magen transportiert. Am schnellsten erfolgt die pharyngeale Phase, in den der Bolus maximale Geschwindigkeiten von 100 cm/sec. erreichen kann.

Nach einem Schlaganfall kann das Schlucken vielfältig gestört sein, sei es, dass der Weitertransport des Bolus im Mund verzögert ist, ein Schluckreflex nicht ausgelöst wird oder gerade bei Sensibilitätsstörungen der Bolus in den Vorraum der Luftröhre eindringt oder gar aspiriert wird. Fehlt hier die Sensibilität, dann unterbleibt der Hustenreflex, und die Nahrung kann ungehindert in die Lunge gelangen. So werden Schluckstörungen häufig nicht erkannt, weil der Patient nicht hustet („stille Aspiration“).

Die beste Therapie ist das rechtzeitige Erkennen einer Schluckstörung, deswegen hat das „Schluckteam“ festgelegt, dass alle Patienten einen Wasser-Screening-Test durchlaufen müssen. Der Patient schluckt dabei ein halbes Glas Wasser. Geachtet wird auf ein eventuelles Verschlucken, eine Änderung der Stimme oder auf einen Abfall des Sauerstoffpartialdrucks. Ist dieser Test auffällig, schließt sich eine weitergehende klinische und apparative Untersuchung an. Die klinische Untersuchung durch die Schlucktherapeutinnen erfolgt zeitnah, in jedem Fall noch an demselben Tag, um aktuelle Ernährungsmöglichkeiten abzuklären. Für die anschließende apparative Diagnostik verfügt die Abteilung über eine so genannte flexible Schluckendoskopie. Das Endoskop wird über die Nase eingeführt, so dass die Stimmlippen und das umgebende Gewebe beurteilt werden können. Schwellungen oder Entzündungen werden so erkannt. Des Weiteren schluckt der Patient bei liegender Optik gefärbtes Wasser, wobei auf  eine mögliche Penetration oder gar Aspiration geachtet wird.  Neben dem Wasser können weitere Konsistenzen wie Wackelpudding oder z. B. Brot überprüft werden. Ebenso kann geklärt werden, ob z. B. eine Veränderung der Kopfhaltung (z. B. nach vorne gebeugt, zur Seite gedreht, geneigt) das Risiko eines Verschluckens verhindern kann. Daraus können  wesentliche Rückschlüsse auf die erforderliche Therapie gezogen, indem sie nicht nur der Schluckreflex gefördert, sondern auch die Schlucktechnik optimiert wird. Eine eitere wesentliche therapeutische Entscheidung ist die Festlegung der Nahrungskonsistenzen, die der Patient essen darf. Sie reicht eben von breiig bis hin zu Krümelkuchen, der naturgemäß am schwersten zu schlucken ist. Weitere wichtige Hinweise erinnern an die Ermahnung von Müttern wie beim Essen nicht zu sprechen, aufrecht zu sitzen und sich auf das Essen zu konzentrieren.

Ist die Aspirationsgefahr so groß, dass eine orale Ernährung nicht möglich ist, sind vorübergehende Alternativen wie die Anlage einer Magensonde oder gar einer PEG zu diskutieren. In wenigen Fällen ist sogar die Anlage einer Trachealkanüle erforderlich, die mit Hilfe ihrer aufblasbaren Manschette die Luftröhre unterhalb der Stimmlippen so abdichtet, dass keine Speise oder Speichel eindringen kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Mensch auch pro Tag eineingalb Liter Speichel produziert und dieser ständig geschluckt wird.

Sobald der Patient seinen Speichel wieder bewältigt, kann mit dem Kostaufbau begonnen werden. Die Schlucktherapie wird zur Absicherung von apparativen Verlaufsuntersuchungen begleitet und bringt viele Patienten wieder zu einer vollständigen oralen Ernährung ohne Trachealkanülen und Sonden.

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